Reisebericht September 2007

Das vergessene Tal der Chilchos


In den Sommerferien, wenn das Hochland Perus gut zu bereisen ist, beschloss ich, die entlegendsten Täler Nordperus zu erforschen. Es war bislang nur wenig bekannt, dass in der Ostkordillere, zwischen dem nach Norden entwässernden Marañón, und dem Abfall der Anden zum Einzugsgebiet des Río Huallaga hin, ein Kulturvolk zu Zeiten der Inka lebte, welches diesen in Hartnäckigkeit und Schönheit der Architektur ebenbürtig war.

Die Spitze des Eisbergs wird eben gerade sichtbar: Kuelap, das stärkste Fort der Chachapoya, aus mehr Steinen als die Cheopspyramide erbaut, mit 8 m dicken und 16 m hohen Mauern. Aber wer weiß schon, dass es noch 50 (!) Städtchen mehr gibt, alle zwischen 2400 und 3200 m auf Bergrücken gelegen, die durch jüngste Rodungen dem Bergurwald wieder entrissen werden, der sie 500 Jahre gnädig zudeckte? Die in Kopfhöhe umlaufenden Friese, die die Rundbauten mit Mäandern, Rauten- und Zickzackmustern schmücken, übertreffen an ästhetischem Reiz noch die klobigen Inkaquader. Die mehr als abenteuerliche Bestattung ihrer Toten in fast unersteigbaren senkrechten Felswänden ist durch die Funde hoch über der «Laguna de las momias» 1997 publik geworden.

In diese Region gibt es drei Anreiserouten: 1) Flug nach Chachapoyas, die Hauptstadt des Dep. Amazonas, nur samstags, 2) mit dem Bus die geteerte Schnellstrasse von Chiclayo über Olmos, den niedrigsten Pass der Anden (Abra Porculla, 2145 m), über Chamaya und Bagua Grande, oder 3) eine abenteuerliche Piste für Geländewagen von Cajamarca über Celendin, Balsas am Río Marañón und den Abra Barro Negro (3660 m) nach Leimebamba. Ich kam noch ungewöhnlicher über Loja, Ecuador, die 2001 neueröffnete Grenzbrücke bei La Balsa und Jaën das Utcubambatal hinauf. Vierradantrieb ist in der Chachapoyasregion wegen der vielen Schlaglochpisten zu empfehlen, aber kein Muß.

Ich kannte schon 9 Städtchen, besonders die neu freigeschlagenen um Levanto und die noch bewachsenen bei Jalca Grande, und wollte mehr, durch das neue Buch von F. Kauffmann Doig «Die Chachapoya» (2003) süchtig geworden. Als erstes Ziel nahm ich Purum Llacta, 37 km östlich von Chachapoyas gelegen, in Angriff. Bei der Polizei in Pipus (Km 26) erfuhr ich, dass ich die winzige Nebenstraße etwas über Cheto hinaus bis zu einem Lehmhaus fahren sollte, an dem ein Bach nebst Pfad von rechts aus den Anden käme. Kaum war ich da ausgestiegen, kam eine alte Dame dahergeritten, ein zweites gesatteltes Saumtier mit sich führend. Ob ich mitreiten wollte, nach Purum Llacta sei auch ihr Weg? So viel Glück hatte ich selten, die steilen 400 Höhenmeter bergauf machten die Gäule in 50 Minuten. Oben verabschiedete sich die Dame Richtung eigene Kartoffelfelder und wollte nur Gottes Lohn! Bei leichtem Nieselregen versuchte ich nun herauszufinden, wo die Ruinenstadt lag, und richtig, hinter den Wegehecken sah ich schon einige Gemäuer schimmern. Das Dorf hatte einst ca. 50 Häuser, die sich in gestaffelten Bändern übereinander den Hang bis 2500 m hinaufzogen. Davon besaßen nur zwei recht gut erhaltene die ersehnten dekorativen Simse. Die Bauern, denen ich beim Abstieg begegnete, konnten nicht ganz sicher sagen, ob Purum Llacta und Monte Peruvia, die oft als nur eine Stätte auf Karten zusammengezogen werden, zwei getrennte Städte waren, und redeten noch von einer dritten versteckten, doch zurück in Chachapoyas bestätigte mir ein offizieller Führer diese Annahme.

Anschließend fuhr ich nach Leimebamba und blieb zwei Tage bei der freundlichen Wirtin von «La Casona», dem wohl besten Hotel mit Orchideengarten im spanisch-kolonialen Dorf (Einzelzimmer 35 Soles). Im Centro Mallqui, dem Museum der Mumien 4 km oberhalb Leimebamba, liegen jetzt alle (über 100) von der «Laguna de las momias» geborgenen Stoffbündel, deren Inhalt wissenschaftlich studiert wird. Als Zuckerl zum Eintrittspreis gibt es dort ebenfalls einen Garten voller Orchideen, gesammelt nur aus den umliegenden Wäldern. Diese wollte ich neben Vögeln auch in natura sehen, und fragte daher nach geeigneten Tourren. Ja, es gäbe zwei: zur Lagune, etwas eisig (3200 m) und beschwerlich, und eine andere in das «Valle de los Chilchos», ein Zweitagesritt einfach. Das Tal der Chilchos? Nie gehört. Ich entschied mich für letzteres, hatte aber nur 3 Tage übrig.

Wer kann mich führen? Ein Hausbekannter empfiehlt mich an Joaquin, der im Nachbardorf Palmiras auch schnell gefunden wird. Ein Mittfünfziger, faltiges braunes Gesicht, wirre Haare, grauer kurzer – oder unrasierter? – Bart, mit Cowboyhut, verwegener Räuberblick. Auf den ersten Blick nicht gerade Vertrauen einflößend. Aber seine sichere ruhige Art zu sprechen lässt mich zusagen. Also abgemacht: Zwei Saumtiere für 50, er selber 75 Soles, und die Nahrungsmittel für drei Tage sind schnell im Krämerladen erstanden, natürlich Thunfischdosen und Spaghetti dabei, die in seinem rußgeschwärzten Topf irgendwann aufbereitet werden so
llen.

Am nächsten Tag um 7 Uhr stehe ich pünktlich vor seiner Tür. Wir sind fast mit Satteln und Beladen der Tiere fertig, da steht ein Indiopaar still da, die Frau eine Träne im linken Auge. Er müsse jetzt einen Zahn ziehen, sagt Joaquin. Mir wird klar, dass die Nackenstütze des einzigen großen Stuhls in seiner Behausung chirurgischen Zwecken dient. Nach 10 Minuten kommt die Frau, um zwei Zähne und 20 Soles erleichtert, wieder heraus. Er habe mal gebrauchtes Zahnarztbesteck bei einem Krämer erstanden und seitdem kommen die Leute zu ihm, erklärt er später beiläufig.

Um 8 Uhr reiten wir schon bergan. 1000 Höhenmeter und 2,5 Stunden später verlaasen wir die Anbauzone mit den Eukalypten. Reste eines temperierten Urwaldes tauchen auf, dann nur noch die Ichu-Grasbüschel. Der uns aus einem alten Gletschertrogtal entgegenkommende Bach verschwindet unter uns in einer Doline und kann am Hang Richtung Utcubambafluss nicht mehr ausgemacht werden, läuft also lange unterirdisch. Kurz vor der Passhöhe lagern wir zum Mittagsimbiss im goldbeschienenen Gras. Dann kommt ein wirres Gelände mit bis 10 m hohen schwarzen Felsbrüchen, durch die wir die Pferde führen müssen. Kurz unter dem Pass (Abra El Diamante, 3400 m, auch Almendras genannt) steigen wir noch einmal ab, da der Weg über wasserüberspülte, schräge glitschige Steinplatten geht.

Danach ändert sich die Landschaft total. Unter den Wolken blicken wir in ein vollbewaldetes weitläufiges Tal ohne irgendwelche Besiedlung oder Schneisen. Unter dem windigen Pass blühen Puyas hellblau mit 1,50 m hohen Blütenständen, von Riesenkolibris besucht. Vom Sattel aus nehme ich erste Bodenorchideen, dann meist epiphytische, also auf Bäumen sitzende Orchideen (Bulbophylllum, Elleanthus, Epidendrum und eine getigerte reichblühende) wahr. Um 3100 m müssen wir uns an einem steilen urwaldbestandeneen Berg entlangdrücken. Erste bunte Bergtangaren (Anisognathus igniventris und Buthraupis montana) streifen durch den Elfenwald. Gegen 16 Uhr erreichen wir unser Ziel, die am Weg freistehende offene Hütte «El Laurel» auf 2900 m mit Kochecke außen und herrlicher Fernsicht. Zwei schulterbreite Holzplanken auf dem gestampften Boden werden uns zwei Nächte als Schlafstatt dienen. Ich kann noch drei weitere Tangarenarten sowie einige Blütenstecher, darunter den weissschnurrbärtigen Diglossa mystacalis, identifizieren, dann lockt die Dose «Atún» mit viel Zwiebeln, Limonen und Brot, runtergespült mit Cocatee. Eine halbe Stunde nach Einbruch der Dunkelheit wird es recht kalt, und wir kriechen im vollen Ornat in die Schlafsäcke. Kurz weckt mich eine Kreischeule, die ich am Duettgesang als Otus albogularis anspreche.

Nach einem prächtigen Sonnenaufgang bei reichlich Cornflakes und Yoghurt geniessen wir den Morgengesang der Vögel. Chorleiter ist diesmal Sharpe’s Wren. Danach reiten wir den Bergrücken stetig abwärts, bis 1000 m tiefer der Río Chilchos und die ersten wenigen Viehweiden erreicht werden. Wir sind im entlegenen Tal des längst untergegangenen Indianerstammes der Chilchos. Die heutigen wenigen Einwohner bauen meist organischen Kaffee, der in Holland einen Markt findet, und vermeiden dadurch größeren Kahlschlag für Milchkühe.

Leider reicht unsere Zeit nicht, zu einer ungewöhnlichen, weil sehr tief liegenden Gräberstätte der Chachapoyas weiter vorzudringen.

So kehren wir uns wieder bergan zu unserer Schutzhütte. Ohne Wind und Regen, was hier die Ausnahme ist, lässt es sich bei Spaghetti á la Bolognese, besser á la Joaquin, gut aushalten. In der zweiten Nacht gehe ich um 3:40 Uhr mit der Taschenlampe raus, weil ein Rufen und Würgen ganz in der Nähe nicht verstummen will, und kann gerade noch im Abflug einen grossen Kauz (Ciccaba albitarsus) bestimmen. Am nächsten Morgen regnet es, als ich Vögel beobachten will. Doch Joaquin, der mit den Saumtieren aufschließt, sagt «Warten wir, bis es aufhört!» Tatsächlich bricht nach 15 Minuten die Morgensonne mit einem überwältigenden gemischten Vogeltrupp (Andenschopfohr, Perlbaumsteiger, Rauchbuschtyrann) hervor. Beglückt reiten wir wieder auf den Pass zu und halten mit den entgegenkommenden Dörflern aus Chilchos einen Schwatz. Jeder kennt Don Joaquin, der jahrelang dorrt abgeschieden hauste. Manche marschieren nur für Brot und Salz oder ein Sonntagstänzchen die vier Tage hin und zurück in die «Stadt» Leimebamba. Ein Picknick im letzten Urwald auf grüner Rasenlichtung lässt uns entspannt von diesem herrlichen naturbelassenen Tal Abschied nehmen. Joaquin erhält seinen verdienten Lohn und meint zum Schluss: «Morgen gehe ich im Nachbardorf wieder Zähne ziehen!» Der Zahn für 10 Soles, versteht sich.

Tino Mischler

Biologielehrer an der Deutschen Humboldtschule in Guayaquil,

führt in den Ferien ornithologische Touren in Ecuador und Peru.

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